PAGE Miszellen 07/05. Von Jürgen Siebert
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Aldi Huxley – Schöne neue Warenwelt
 
Viele Kunstaktionen existieren bedauerlicherweise nur kurze Zeit (zu spät für einen Besuch der PAGE-Leser, nachdem sie diesen Beitrag gelesen haben). So auch das Projekt »Aldi Huxley – Schöne neue Warenwelt« der Bauhaus-Universität Weimar. Unter der Leitung von Prof. Alexander Branczyk und Daniel Schmidt haben die Studentinnen und Studenten im Rahmen des Berliner Designmai 3 Tage lang in der Kreuzberger Galerie Lux einen gleichermaßen lehrreichen wie amüsanten Schlussverkauf veranstaltet.
Mit einer Mischung aus Parodie und Sozialkritik widmeten sich die Studierenden den Randerscheinungen der Konsumwelt: Globalisierung, Marktmacht, Verblendung, Verschwendung, Lug und Trug. Es gab viele bemerkenswerte Produkt-Kollagen, zum Beispiel den Einkaufswagen mit den Erste-Welt-Produkten: umgestaltete Markenprodukte, deren Handelsbezeichnung gegen die Namen der weltbeherrschenden Nahrungsmittelkonzerne ausgetauscht waren. Oder der Rechtschreibreformhaus-Warenkorb mit den kuriosesten Neudeutsch-Segnungen: Brennnesseltee, Tunfisch, Spagetti, Jogurt, Ketschup und Karamellbonbons.
Das Reizvolle der als Supermarkt inszenierten Ausstellung waren die mit viel Wortwitz verfassten Begleittexte ... nicht nur hier schimmerte das Mitwirken des Mentors Alex Branczyk durch. Drum war ich scharf auf eine Art Begleitheft, denn einen Katalog sollte man für die Präsentation eines studentischen Projektes nicht unbedingt erwarten. Weit gefehlt. Für 2,99 Euro gab es den Unikat.alog, genauso pragmatisch, praktisch und preiswert wie die rund 20 ausgestellten Wareninszenierungen: eine belichtete Filmrolle mit allen Exponaten und Stimmungsbildern. Ihren Inhalt konnte ich freilich erst zwei Tage später bestaunen, nachdem ich meine Abzüge in den Händen hielt ... ein Best-Of-36 auf dieser Seite.
Der Unikat.alog erinnerte meinen britischen Begleiter Jan an eine Guerilla-Marketing-Aktion, die eine britischer Automobilmarke vor zwei Jahren in London durchführte. Großzügig verschenkten Promotion-Teams scheinbar jungfräuliche Einwegkameras an die Passanten. Tatsächlich waren die ersten beiden Fotos mit Werbung für das neueste Fahrzeugmodell belegt, die den privaten Bilderreigen der Hobbyfotografen ergänzten.
Weil die Studenten der Bauhaus-Universität ganze Arbeit geleistet haben, gibt es zu Aldi Huxley unter www.schoene-neue-warenwelt.de eine wunderbar gestaltete Internetseite. Und so lebt das Projekt zumindest virtuell weiter ...


Kolia Gruber
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Das war rundum gelungen; besonders soziale Aspekte der schönen neuen Warenwelt sind eindrucksvoll beleuchtet worden, sowohl im lokalen Kontext (Sozialmahl, 0,00E) als auch im globalen (95-zu-5-Bananen). Jedenfalls sehe ich mich durch die Arbeit der Studenten darin bestätigt, im Bioladen und Fair-Handels-Produkte (und meinen Strom nicht bei Vattenfall) zu kaufen – Kaufkraft gezielt und bewusst einzusetzen.
Besonders beeindruckend war die Produktserie Erste Welt Laden, auf denen nicht die Markennamen standen, sondern die Namen der Konzerne, denen diese Marken gehören. Ich glaube, wenige Leute würden Nestlé-Wasser trinken wollen, wenn Nestlé groß auf dem Etikett steht. Vittel klingt doch einfach viel stilvoller. Das ist Image-Camouflage – der Großkonzern mit dem angeknacksten Image versteckt sich hinter dem Markennamen mit dem schönen Klang.
Den 95-zu-5-Bananen hätte man noch die Information anfügen können, dass die Plantagen-Arbeiter in Nicaragua durch den Einsatz von Nemagon auf den Plantagen so gut wie ausnahmslos so unheilbar erkrankt sind, dass einige von ihnen beschlossen haben, in einer Protestaktion in der Hauptstadt Managua öffentlich Selbsttötung zu vollziehen.
Euer Supermarkt war eine tolle Sache – ich hoffe, ich schaffe es, nochmal hinzugehen!


Akiem Helmling (Underware, NL)
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In der Wissenschaft ist das schon eh und je so. Die Universitäten und Fachhochschulen sind die Orte wo experimentiert, untersucht und geforscht wird. Dinge geschehen, die draußen in der großen Welt nicht möglich sind. Neues entsteht, der Mikrokosmos bebt.
Warum nicht in Design. Warum wird in so vielen Design-Schulen stets noch die ganze Zeit altes schlecht wiederholt und neues ignoriert? Warum wird Design-Geschichte nicht von den Akademien, sondern von den Agenturen geschrieben. Zeit für die Aldi-Huxley-Deutschland-Tour!


Prof. Herbert Wentscher (Bauhaus-Universität Weimar)
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Pfiffiges Konzept, witzige Produkte, professioneller Auftritt: Ein rundes Projekt!


Marla Luther (Arab Western Foundation)
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Die Halle sah klasse aus und die Studenten waren mit vollem Engagement dabei. Die Produkte waren super. Da steckt sehr viel Arbeit drin. Aus Fundraisinggründen würde ich vielleicht in Zukunft mehr auf dem Preissegment 1 - 10 Euro setzen. So viel kann man als Konsument leichter ausgeben. Sonst alles perfekt. Am Service Konzept würde ich nichts verändern. Auch die Lesung fand ich gut.


Ernestine von der Osten-Sacken (Text- und Redaktionsbüro)
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Ich war schon lange auf der Suche nach EGAL. Sozusagen andauernd. Eine gut informierte (und verlässliche!) Quelle verwies mich auf die Website von Aldi Huxley. Hier fand ich, was ich suchte. Und das zum Schnäppchen-Preis. Das Beste daran: Ich brachte mit dem Kauf buchstäblich nicht nur die Wirtschaft in Schwung (s. aktuelle Zahlen), sondern förderte zudem die gute Sache. Powershoppen – günstig und ohne schlechtes Gewissen. Was will die Konsumentin mehr?


Matthias Dietz (Schindler Parent Identity, Berlin)
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Ich war & bin sehr begeistert von eurem Projekt. Hat mich auf gewisse Weise an die Radikaliät der Austellung "Kaufhaus des Ostens" im Merve Verlag 1984 erinnert. Und das ist ja heute selten im Design. Statt seine "verkäuflichen" Entwürfe Produzenten und Vertreibern anzudienen habt ihr auf wundervolle Art und Weise den Diskurs gesucht. Und dabei den Ton getroffen. Ironisch, liebevoll, zeitgenössisch, kritisch und dabei das Medium Design für mehr als die Erzeugung von Oberfläche genutzt.
Schickt mir ab und zu eine Einladung wenn es in Weimar was zu sehen oder zu diskutieren gibt. Es war das beste von allen Projekten auf dem Designmai!


Haike Nehl, Moniteurs
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Am meisten "verfolgt" hat mich das Aldi Huxley Wechselgeld! Als
erstes bin ich mit meinem gekennzeichneten Schein am BVG-Automaten gescheitert, der den Schein natürlich sofort wieder
ausgespuckt hat. Oh, nee, Aldi Huxley! Schnell abgeknibbelt, den
Zug habe ich gerade noch erwischt.
Mit dem nächsten Schein stand ich im Buchladen und die
Verkäuferin schaute irritiert. Hielt den Schein gegens Licht und
ich stammelte, mmh, tja , der ist markiert weil ... Aldi Huxley!
Noch ein Schein wanderte in den Bioladen – man merkt es immer
erst, wenn der Schein schon auf den Tresen wandert. Da liegt er
dann, offensichtlich gefälscht und man kann die ganze Geschichte
wieder erzählen ... Aldi Huxley!
So kommt es, dass ich noch lange an euer Projekt gedacht und
vielen davon erzählt habe!